Kapitel 1
-Tod-
„Hey, hey, hey!“, brüllte ich
den Dämonen an meiner Seite an, „Lass mich gefälligst meine Arbeit machen!“
„Wenn du ’s doch nicht hinkriegst“, hörte ich zum gefühlten hundertsten Mal.
„Ich bin der Tod. Wer bitte kann meine Arbeit besser machen?!“ Mein Hauptargument. Ich war der Tod. Und zwar nicht irgendein Tod, nein, ich war der Tod. Alleiniger Herrscher der Unterwelt und meinem lieben Freund und Gehilfen in so vielem überlegen.
„Könntet ihr euch jetzt endlich mal einig werden und die ganze Sache hinter uns bringen? Danke.“
Verdutzt schauten wir unseren Gegenüber an. 1,67 m groß, graue Haare mit weißen Strähnen, eng zu einem streng aussehenden Dutt gebunden, passender strenger Blick aus eisblauen Augen, graues biederes Kleid, Mensch. Mit ihren 97 Jahren schien sie noch ganz gut in Form zu sein. Obwohl ich es schon fast jeden Tag mit solchen Menschen zu tun hatte, konnte ich mich trotzdem nicht erinnern, jemals so einen Frechen dabei gehabt zu haben.
„Entschuldigen Sie, wissen Sie eigentlich, mit wem Sie da gerade sprechen?!“, fing ich an und hatte eigentlich noch weiteres geplant, aber kaum hatte ich den Satz fertig gesprochen, spürte ich eine Hand vor meiner Brust.
„Lass es sein, Süße, mach sie fertig und wir gehen nach Hause.“
Mit weit aufgerissenen Augen starrte ich den Dämonen neben mir an, dessen Hand immer noch vor meiner Brust lag und sich keinen Millimeter bewegte. Der Feigling sah mich nicht mal an. Wenn wir nach Hause kamen, würde ich ihm seine kleinen Hörnchen wegprügeln.
Meine Augen leuchteten rot auf und der Griff um meine Sense verstärkte sich.
„Bye bye, alte Hexe“, lächelte ich und sah mit Vergnügen, wie sich ihr Körper in Luft auflöste, sobald die Sense sie berührte, und nur ein gelbes, schimmerndes Etwas zurückblieb. Ihre Seele.
Ich ließ meine Sense von der einen zur anderen Seite wandern und die Seele folgte ihr. Ich liebte dieses Spiel, trotzdem wandte ich mich meinem Dämonen zu und starrte ihn finster aus meinen noch rot leuchtenden Augen an.
„Nenn mich nie wieder Süße“, zischte ich und wurde umso wütender, als er anstatt sich vor Angst in die Hosen zu machen, lachte. Ohne ein weiteres Wort drehte er sich lachend um und machte sich auf den Weg nach Hause.
„Irgendwann hack’ ich dir den Kopf ab“, fluchte ich noch und ging ihm, die Seele im Schlepptau, hinterher.
„Wenn du ’s doch nicht hinkriegst“, hörte ich zum gefühlten hundertsten Mal.
„Ich bin der Tod. Wer bitte kann meine Arbeit besser machen?!“ Mein Hauptargument. Ich war der Tod. Und zwar nicht irgendein Tod, nein, ich war der Tod. Alleiniger Herrscher der Unterwelt und meinem lieben Freund und Gehilfen in so vielem überlegen.
„Könntet ihr euch jetzt endlich mal einig werden und die ganze Sache hinter uns bringen? Danke.“
Verdutzt schauten wir unseren Gegenüber an. 1,67 m groß, graue Haare mit weißen Strähnen, eng zu einem streng aussehenden Dutt gebunden, passender strenger Blick aus eisblauen Augen, graues biederes Kleid, Mensch. Mit ihren 97 Jahren schien sie noch ganz gut in Form zu sein. Obwohl ich es schon fast jeden Tag mit solchen Menschen zu tun hatte, konnte ich mich trotzdem nicht erinnern, jemals so einen Frechen dabei gehabt zu haben.
„Entschuldigen Sie, wissen Sie eigentlich, mit wem Sie da gerade sprechen?!“, fing ich an und hatte eigentlich noch weiteres geplant, aber kaum hatte ich den Satz fertig gesprochen, spürte ich eine Hand vor meiner Brust.
„Lass es sein, Süße, mach sie fertig und wir gehen nach Hause.“
Mit weit aufgerissenen Augen starrte ich den Dämonen neben mir an, dessen Hand immer noch vor meiner Brust lag und sich keinen Millimeter bewegte. Der Feigling sah mich nicht mal an. Wenn wir nach Hause kamen, würde ich ihm seine kleinen Hörnchen wegprügeln.
Meine Augen leuchteten rot auf und der Griff um meine Sense verstärkte sich.
„Bye bye, alte Hexe“, lächelte ich und sah mit Vergnügen, wie sich ihr Körper in Luft auflöste, sobald die Sense sie berührte, und nur ein gelbes, schimmerndes Etwas zurückblieb. Ihre Seele.
Ich ließ meine Sense von der einen zur anderen Seite wandern und die Seele folgte ihr. Ich liebte dieses Spiel, trotzdem wandte ich mich meinem Dämonen zu und starrte ihn finster aus meinen noch rot leuchtenden Augen an.
„Nenn mich nie wieder Süße“, zischte ich und wurde umso wütender, als er anstatt sich vor Angst in die Hosen zu machen, lachte. Ohne ein weiteres Wort drehte er sich lachend um und machte sich auf den Weg nach Hause.
„Irgendwann hack’ ich dir den Kopf ab“, fluchte ich noch und ging ihm, die Seele im Schlepptau, hinterher.
Als wir zu Hause ankamen, war alles schon wieder vergessen. Viel zu sehr freute ich mich auf den nächsten Spaß, Dämonen köpfen. Es war wirklich unglaublich lustig und fester Bestandteil meines Alltags.
„Er hat wahnsinnige Angst vor dir“, weckte mich Riku aus meinen Tagträumen. Ich grinste ihn an. Er wusste eben, wie man mir Komplimente machte. Kein Wunder, wir kannten uns schließlich schon seit wir in Windeln Unheil verbreiteten. Kaum zu glauben, und ich frag mich heute noch wieso, aber er war mein bester Freund. Deswegen waren wir zwei auch ein Team.
„Akane-sama!“
Der Spaß begann. Mein Grinsen wurde breiter, meine Augen leuchteten bedrohlich rot auf und der Griff um meine Sense wurde stärker. Ich hörte seine kleinen trippelnden Schritte, während er versuchte, uns einzuholen.
Eins. Zwei. Drei.
Mit einem Ruck drehte ich mich um und ließ meine Sense geradewegs auf seinen Hals zu rasen.
„Ich heiße Shika!“, schrie ich ihm hinterher, als ich traf und sein Körper verschwand. Zufrieden grinste ich Riku an, sein Eckzahn funkelte wie immer über seiner Oberlippe hervor.
„Wieso tust du dem armen Kerl so etwas immer wieder an? Du kannst keine Dämonen töten, das weißt du doch“, fragte er kopfschüttelnd.
„Weil ’s Spaß macht“, antwortete ich ohne zu zögern und ging weiter.
War ich grausam? Ja.
War ich abgrundtief böse? Aber hallo!
Wollte ich das ändern? Wieso sollte ich?!
Als Tod war das Leben einfach. Wenn du mal ’nen Tag Ruhe haben wolltest, machten Dämonen deine Arbeit. Aber hey, ich liebte es, Leute umzubringen, wieso also was ändern?
„He, Riku, er wacht beim Wächter wieder auf, oder?“, wandte ich mich an meinen freundlichen, behörnten Helfer.
„Klar, wie jedes Mal.“
„Dann komm ich auf jeden Fall mit!“ Ich schloss eine Hand zur Faust und grinste entschlossen.
„Willst du dir das wirklich antun? Der Wächter wird dich fertig machen.“
„Fertig machen? Mich?! Tse, also, ich bitte dich!“
Interessanter Punkt. Der
Wächter war ’ne ganz andere Nummer als der kleine, pummelige Dämon, den ich
gerade geköpft hatte. Er war alt, streng und scheute sich nicht, auch mal laut
zu werden. Nicht mal mir gegenüber! Um ehrlich zu sein, ich versuchte
möglichst, ihm aus dem Weg zu gehen. Aber um diesem kleinen, pummligen Stinker,
der mich jedes verdammte Mal Akane nannte, eins auszuwischen, lohnte sich alle
Mal. Dafür würd’ ich ’s auch mit dem Wächter aufnehmen.
„Na, wenn du meinst“, meinte Riku und grinste vor sich hin.
Für dieses Grinsen könnte ich ihm schon wieder seine kleinen Hörnchen abreißen. Alle Dämonen haben diese kleinen Hörnchen. Es gibt in der gesamten Unterwelt nur zwei Ausnahmen, zum Einen mich, den Tod, der somit kein richtiger Dämon war, und zum Anderen den Wächter, der anscheinend ebenfalls kein richtiger Dämon war. Seine schwarzbraunen, verstrubbelten Haare verdeckten Riku’s Hörnchen fast. Allerdings verriet sein Eckzahn, der stets über seiner Unterlippe hervorguckte, und seine Augen, die ebenfalls so rot glühen konnten, wie meine, dass er ein Dämon war. Okay, und dass er wirklich unheimlich gut aussah. Ich weiß nicht, ob dass bei allen so ist, aber auf mich hatten alle Dämonen eine fast atemberaubende Wirkung. Sie sahen wirklich alle verdammt gut aus. Gerade Riku, den ich schon von klein auf kannte. Na ja, eine Ausnahme gab es doch. Den kleinen, pummeligen Stinker. Was bei dem schief gelaufen ist, wusste ich auch nicht, er hatte zwar Hörner, spitze Eckzähne und rote Augen, aber von seiner Wirkung her erinnerte er mich nicht gerade an einen Dämonen. Riku’s grüne Augen verließ der Rotstich nie. Auch wenn sie nicht gerade rot leuchteten, gab es doch einen leichten Rotstich um seine Pupillen, während der Rest grün war. Ich würde es niemals zugeben, aber trotzdem konnte man sich in seinen Augen nur allzu gut verlieren.
Vor der letzten Kurve zum Wächter nahm ich noch mal all meinen Mut zusammen, setzte das spöttischste Grinsen auf, das ich aufbringen konnte, und ließ meine Sense, der immer noch die gelbe Seele folgte, lässig über meine Schulter hängen.
Das Grinsen verging mir jedoch sofort, als ich den Wächter sah. Jedenfalls dachte ich, dass das der Wächter war. Er hatte keine Hörner, dafür stechend grüne Augen. Er trug ein schwarzes T-Shirt, auf dem in dunkelroter Schrift „01“ stand, und darüber überkreuzt zwei schwarze Bänder. Zwei solcher Bänder hingen auch jeweils an einer Seite seiner ebenfalls schwarzen Hose. Sein dunkelbraunes bis schwarzes total verstrubbeltes Haar ließ einen leichten Rotstich erahnen. Er war… Einfach unglaublich!
„Mach den Mund zu“, stupste mich Riku an.
Erschrocken schnappte ich nach Luft und merkte, wie meine Wangen rot und heiß wurden. Am liebsten wäre ich auf der Stelle umgedreht und wieder weggegangen. Aber ich war der Tod, und der Tod macht nicht so einfach ’nen Rückzieher. Also straffte ich den Rücken, packte meine Sense und ging weiter.
„Hey Leute“, begrüßte ich die beiden, den neuen, gut aussehenden Wächter, und den Stinker, der gerade neben ihm auftauchte.
„Akane-sama“, fing der Stinker wieder an.
Ich schloss die Augen und merkte, wie meine Augenbrauen zuckten.
„Wie oft hab ich dir schon gesagt, dass ich nicht will, dass du mich Akane nennst?“, fragte ich leise, um ihn nicht wieder anbrüllen zu müssen.
„I-ich- Entschuldigung, Shika-sama“, der Stinker verbeugte sich vor mir und am liebsten hätt’ ich ihm schon wieder den Kopf abgehackt. Ich konnte ihn einfach nicht leiden, er passt schon auf mich auf, seit ich ein kleines Kind war und bei dem Alten in die Lehre ging. Seitdem tauchte er immer wieder auf und versuchte mich zu bevormunden. Außerdem nannte er mich Akane, was zwar mein Name war, aber alle, wirklich alle, nannten mich Shika. Ich hatte nicht wirklich was gegen Akane, klar, Shika war mir lieber, aber ich würde jemandem nur deswegen nicht den Kopf abschlagen. Aber wie gesagt konnte ich diesen kleinen, pummeligen Dämonenstinker einfach nicht leiden und so regte ich mich über jede Kleinigkeit auf.
„Wie auch immer“, fing Riku teilnahmslos und gespielt gelangweilt an, „wir haben ’ne weitere Seele. Bist du der neue Wächter?“
Da schaute der Neue zum ersten Mal auf und sein völlig desinteressierte Blick ruhte auf Riku’s.
„Sieht so aus. Ich bin der nächste Wächter, der Alte dankt bald ab“, antwortete er in kaltem Ton.
„Coole Sache, ich bin Akito, das ist Shika“, stellte uns Riku vor.
Riku hieß eigentlich Akito,
aber ich konnte früher als kleines Kind seinen Namen nicht aussprechen und
hatte ihn deshalb immer Riku genannt. So nannte ich ihn auch jetzt noch. Keine
Ahnung, wie ich damals auf Riku gekommen bin.
Der Wächter antwortete nicht. Aber komischer Weise machte ihn das nur noch besser, ich kam aus dem Schwärmen gar nicht mehr raus.
„Na ja, wie auch immer, wir haben die Seele hier, wenn du sie durchlässt, können wir wieder abhauen“, forderte Riku, ihn ließ der neue Wächter total kalt.
Wie von alleine löste sich die Seele von meiner Sense und schwebte auf den Wächter zu. Ich konnte nur staunen, der Typ musste es schon jetzt echt drauf haben. Nachdem die Seele ihn einmal kurz umrundet hatte, schwebte sie hinter ihn und verschwand im dunklen Nichts.
„Okay, das war ’s dann wohl! Endlich Feierabend! Komm, Süße, wir haben frei“, flötete Riku fröhlich, nahm meine freie Hand in seine und zog mich mit sich. Ich brauchte ein paar Minuten, bis ich die Situation realisierte und als ich meine Sense nach ihm schwang war der neue süße Wächter schon längst außer Sichtweite.
„Haha! Du bist echt verknallt, was?“, lachte Riku und wich meinem Liebling geschickt aus.
„Das hat damit nichts zu tun, hör einfach auf, mich dauernd Süße zu nennen“, zickte ich.
„Niemals, Süße.“ Während er sich erneut unter meiner Sense wegduckte, warf er mir eine Kusshand zu und so sprang ich auf ihn zu und es entwickelte sich ein kleiner Kampf. Dieser Kampf wurde aber überraschend unterbrochen. Eine große, schmale Frau mit Hörnern zwischen ihrem blonden Haar stand auf einmal vor uns und nannte unsere Namen. Überrascht antworteten wir beide gleichzeitig und starrten die Frau an.
„Ah, gut, dass ich euch gefunden hab. Ihr könnt mich Kurea nennen. Ich bin hier, um euch ein paar Neuigkeiten mitzuteilen“, stellte sie sich vor und lächelte uns freundlich an.
„Neuigkeiten?“, fragte ich wenig begeistert und konnte sehen, wie Riku neben mir ebenfalls den Mund verzog.
„Ganz genau. Vielleicht setzen wir uns besser woanders hin, um das zu besprechen.“
Gesagt, getan, wir saßen alle zusammen in Riku’s Haus und hörten uns die Neuigkeiten an.
„Ich bin hier, um euch von einer Schule zu berichten-“, fing sie an, wurde aber sofort von mir unterbrochen.
„Eine Schule?“, murrte ich. Das wenigste, was ich jetzt brauchte war eine Schule.
„Ganz genau. Eine Schule auf der Erde, für Dämonen, Engel, Sterne und natürlich auch für den Tod.“
„Das bin ich“, sprach ich aus Reflex.
„Ganz genau. Der letzte Tod hat dich ausgebildet, oder nicht?“
„Ganz genau“, antwortete ich.
„Tja, nun, diese Ausbildung reicht nun nicht mehr. Wir haben eine Schule auf der Erde errichtet, diese werdet ihr besuchen. Ihr beide habt noch viel zu lernen und gerade als Partner von Akane-san musst du dich sehr anstrengen, Akito-kun. Ich bin überzeugt, ihr werdet fleißig lernen und erfolgreich sein.“
„Bitte was?!“, riefen Riku und ich gleichzeitig.
„Wir sollen auf eine Schule auf der Erde gehen?!“, fragte Riku.
„Unsere Ausbildung reicht nicht aus?!“, fragte ich.
„Ganz genau. Euer Schuljahr fängt in drei Wochen an. Ich lasse euch die Adresse hier, dort meldet ihr euch in drei Wochen und bekommt alles ausführlich erklärt. Viel Erfolg“, sagte Kurea, stand auf, verbeugte sich noch mal vor uns und ging.
Minuten vergingen, ohne dass jemand von uns etwas sagte. Wir hatten beide den gleichen erschrockenen und ungläubigen Gesichtsausdruck.
„Das kann sie vergessen“, zischte ich, stand auf und ging entschlossen und stur aus dem Haus.
Kapitel 2
-Tod-
Ich
konnte es nicht fassen. Wollte diese Dämonin, diese einfache Dämonin, mir
vorschreiben, wie ich meinen Job zu machen habe?! Ich hatte eine Ausbildung.
All die Generationen, keiner musste jemals auf eine Schule gehen! Der Tod
bringt dem nächsten Tod alles Nötige bei. So war es seit Jahrtausenden von
Generationen, und hatte sich nie geändert. Und ich war der nächste Tod! Der
Alte hatte mir alles beigebracht, was ich wissen musste, er hatte sich zur Ruhe
gesetzt und rührte nur dann einen Finger, wenn ich ihn um Hilfe bat. Ich wusste
alles, ich konnte meinen Job, wieso verdammt sollte ich zur Schule?! Wer zur
Hölle sollte mich unterrichten?! Dämonen machten den gleichen Job wie ich, aber
zwischen uns lag ein himmelweiter Unterschied! Eine Schule! Wer zum Teufel
hatte sich so etwas ausgedacht?!
-Dämon-
„Das
war ja mal wieder klar“, sagte ich zu mir selbst und schüttelte den Kopf. Shika
war nach ein paar Schreckminuten wütend weggerannt, und ich konnte es
verstehen. Ich konnte sie total verstehen, ich hatte selber nicht gerade Lust,
auf eine Schule zu gehen. Aber ich kannte sie, das kleine, braunhaarige
Mädchen. Der süße Tod war die menschliche Beschreibung, die am besten zutraf.
Unglaublich süß war sie, aber eben auch der Tod, sie würde mich umbringen, wenn
ich ihr das sagen würde. Ich kannte Shika und wusste, dass sie zurückkommen
würde. Nachdem sie ihre Wut ausgelassen hatte, würde sie zurückkommen und sich
entschuldigen. Ihre braunen Augen würden mich nicht ansehen, denn sie hasste
es, sich zu entschuldigen. Ebenso wie sie es hasste, Befehle zu bekommen. Sie
hasste den Alten dafür und während unserer Ausbildung hatte es deswegen schon
oft Probleme gegeben. Es würde harte Arbeit werden. Shika zu überreden, zur
Schule zu gehen.
„Ach,
was soll ’s.“
Wozu eigentlich überhaupt zu dieser Schule zu
gehen? Shika war der Tod, wer sollte es ihr befehlen? Und wer sollte ihr
überhaupt etwas beibringen? Abgesehen davon war sie das sturste Mädchen, das
ich kannte, sie würde schon einen Ausweg finden. So war sie schon immer, stur,
aber mittlerweile durchschaute ich sie. Nach meiner Einschätzung hatte ich noch
etwas weniger als zehn Minuten, bis sie zurückkam. Sie würde sich entschuldigen
und ich würde mich über sie lustig machen und sie würde mich zuerst versuchen umzubringen
und dann nach Süßigkeiten anbetteln. Shika liebte menschliche Süßigkeiten,
diesen Tick hatte sie von mir. Ich konnte an diesen Gummibärchen einfach nicht
vorbeigehen.
Als
Kinder hatten wir uns bei einem Halloweenfest das erste Mal ein paar von ihnen
mit nach Hause genommen. Seitdem sehen wir sie als Lohn an, fast immer, wenn
wir eine Seele fangen, bringen wir einen Berg Süßigkeiten mit zurück. Diesmal
nicht, mit dieser schrulligen alten Frau hatten wir ein anderes Problem und
alle Hände voll zu tun gehabt. Shika würde sich nach diesem Tag vermutlich
tierisch über ein paar Gummibärchen freuen.
„Riku?“
Und
da war sie auch schon. Fast pünktlich, ich hatte mich um eine Minute
verschätzt.
„Jaah?“,
fragte ich langgezogen und drehte mich zu ihr um.
„Es…
Es…“ Sie sah zur Seite, nach unten, wieder zur Seite. Nicht ein Mal sah sie
mich an.
„Es?“,
hakte ich nach und sah sie abschätzend an. Mein Grinsen wurde immer breiter,
als sie sich auf die Unterlippe biss und angestrengt wegsah.
„Du
weißt schon“, schmollte sie, „Es… Ach, verdammt, es tut mir Leid!“
„Na
also“, grinste ich, „Geht doch!“
„Ich
hasse dich dafür.“
Man
konnte ihrer Stimme anhören, wie sehr sie schmollte und ihre Abneigung
gegenüber Entschuldigungen zeigte sie mir zusätzlich noch mit einem Schlag in
den Magen. Es tat nicht sehr weh, eigentlich wollte Shika mich nicht verletzen,
aber so war sie nun mal.
„So
lieb ich dich“, stöhnte ich und fing mir einen erneuten Schlag ein.
„Lass
das! Ich… Ich will nicht auf diese Schule.“
„Ich
weiß.“ Vorsichtig legte ich ihr eine Hand auf den Kopf. „Ich auch nicht. Ich
meine, was sollen die uns denn schon beibringen? Den Job machen wir doch
perfekt. Okay, ich mach ihn perfekt, du könntest hier und da noch ’n bisschen
besser sein.“ Ich grinste.
„Vergiss
es!“, rief sie und schaute mich an. Endlich. Ihr alter, gewohnter Blick war
wieder da, frech, herausfordernd und gefährlich. Sie grinste und entblößte eine
Reihe strahlend weißer Zähne, davon ein besonders spitzer Eckzahn. Ihre sonst
braunen Augen nahmen einen leichten Rotton an und funkelten mich gefährlich
unter den braunen Strähnen ihres Ponys an.
„Bevor
du besser bist als ich, werd’ ich diesen Dämonenstinker umbringen! Und zwar
richtig!“
„Ha!“,
lachte ich, „Wenn du dir da mal nicht zu viel raus nimmst!“
„Natürlich
nicht, immerhin bin ich der Tod, vergiss das nicht!“
Wie
könnte ich auch, wenn sie mir diese Tatsache jeden Tag erzählte? Aber so war
sie nun mal, sie war nun mal der Tod.
„He,
Riku.“
„Hm?“
„Hast
du Süßigkeiten?! Biiiiiitte! Dieser Tag stresst mich so! Ich will Süßes!“
Ich
konnte nicht anders als lachen. Shika benahm sich wie ein Kleinkind, kniff die
Augen zusammen und wedelte trotzig mit den Armen.
„He,
he! Du sollst mich nicht auslachen, du sollst mir Süßes geben!“, forderte sie
in einem total süßen kindischen Ton.
„Du
bist süß genug, Kleine“, sagte ich immer noch lachend und tätschelte ihr den
Kopf. Damit hatte ich es natürlich übertrieben.
„Was
hast du gesagt?!“ Shika’s Augen wurden gefährlich schmal und ein leicht roter
Schimmer blitzte auf. Ihre Stimme war kalt und leise, ihre Lippen presste sie
angestrengt zusammen.
Ein
Fehler und sie würde mich umbringen. Wenn sie ’s denn könnte.
„Nichts,
nichts!“, lachte ich, „Wie es der Zufall so will, habe ich tatsächlich noch was
übrig!“
Es
war spät, als wir ins Bett gingen, und noch später, als wir endlich
einschliefen. Wie so oft schlief Shika bei mir. Als hätte sie kein eigenes
Haus. Nachdem sie meinen ganzen, hart erarbeiteten Vorrat an Gummibärchen
aufgefressen hatte, hielt sie mir noch etliche Vorträge über den neuen Wächter.
Und seine Augen erst! Ehrlich, sie nervte. Umso schöner war die Stille, nachdem
sie endlich eingeschlafen war und ihr und mein regelmäßiger Atem das einzige
Geräusch war.
Natürlich,
wie auch sonst, wollten einzig und allein meine Gedanken keine Ruhe geben,
während sich mein Körper schon nach dem elften „und seine Augen!“ nach Schaf
sehnte. Sie machte reichlich Terror und gingen den Tag wieder und wieder von
vorne bis hinten durch. Angefangen bei meinem Frühstück, bei dem Shika plötzlich
reinplatzte, über die alte verbitterte Frau, der Nachricht dieser Dämonin mit
der Bitte, oder eher dem Befehl, zur Schule zu gehen, Shika’s unglaublichen
Appetit und ihrem Schwärmen. Wieder und wieder ging ich gezwungener Weise alles
durch, was heute passiert ist, und konnte trotzdem keine Antwort finden. Erst
als ich zum 36. Mal Shika’s Schmatzen vor mir sah, wusste ich meine Antwort.
Ich
wollte nicht, dass sich was ändert.
„Riiiiiiku~!“
Schlaf.
„Riku!“
Schlaf.
„Riku,
du verdammte Langschläferratte! Schwing deinen Hintern aus dem Bett und hilf
mir beim Frühstück!“
Schlaf.
Schlaf. Schlaf!
„Verdammt,
ich schlafe!!“, schrie ich und riss die Augen auf.
Ich
hätt’ es lieber sein lassen sollen, denn was ich sah hätte einem Alptraum alle
Ehre gemacht.
„Was
hast du gesagt?“, zischte das Monster in dunklem Umhang und roten Augen vor
mir.
„Ach,
vergiss es.“ Gequält stand ich auf.
„Wieso
bist du überhaupt schon wach? Und hast du gerade Langschläferratte gesagt?“
„Jetzt
mal ehrlich, als würde ich lange schlafen!“
Neeeeeein~,
machte es in meinem Kopf. Sie senkte den Kopf und das Rote in ihren Augen
verschwand.
„Ich
konnte nicht schlafen“, gestand sie leise und ernst.
„Von
wegen, du hast geschnarcht wie ’ne Seekuh“, murmelte ich und war unendlich
erleichtert, dass sie das nicht gehört hatte.
„Ich
hab nachgedacht. Ja, ich weiß, kommt ja nicht so oft vor! Bla, bla, spar dir
das. Ich hab nachgedacht, Riku, ich will nicht weg.“
An
ihrem Blick und an der Art, wie sie auf ihrer Lippe herumkaute, konnte ich
erkennen, wie ernst sie das meinte. Sie war nie ernst. Sie versteckte die
Wahrheit hinter Ironie und lachte über Gefühle. Dass sie darüber sprach,
zeigte, wie wichtig ihr die Sache war.
Trotzdem
konnte ich mir ein Lachen nicht verkneifen. Es war ein erleichtertes Auflachen,
und Shika schaute mich verwirrt an.
„Gut!“,
grinste ich, „Ich dachte schon, sie hätten dich klein gekriegt! Ich will auch
nicht weg. Lass uns einfach hier bleiben, was sollen sie schon großartig
dagegen machen?!“
Kapitel 3
-Engel-
„Hach!“,
machte ich und breitete meine Sachen auf dem kleinen Einzelbett in meinem
Zimmer aus. Mein Zimmer war nicht groß, schließlich war es ein Einzelzimmer,
aber trotzdem groß genug, und vor allem war es mein Zimmer. Süß eingerichtet war es, die Leiter dieser Schule
hatten sich wirklich Mühe gegeben. Der Kleiderschrank, in dem genug Platz für
die Sachen von mindestens einer weiteren Person war, stand direkt neben dem
großen Spiegel, vor dem ein kleiner süßer Schminktisch stand. Über meinem Bett
hingen kleine Regale und neben ihm stand ein kleines Nachttischchen.
Zufrieden
nahm ich mein Schminktäschchen von der gemusterten Bettdecke und legte es auf
den Schminktisch. Dort hielt mein Blick an meinem Spiegelbild fest. Mit einer
Hand strich ich durch meine goldblonden Locken, zupfte mein weißes Kleid zu
Recht und sah mir zum Schluss noch einmal in meine goldenen Augen. Ein Lächeln
huschte mir über mein Gesicht. Ich war zufrieden, voll und ganz. Auch, wenn das
hier ganz anders war als im Himmel. Auch, wenn ich am Anfang noch nicht allzu
begeistert war von der Idee, auf eine Schule auf der Erde zu gehen. Und dann
auch noch mit Anderen zusammen. Ich meine Dämonen, Sterne, Wächter. Anfangs
hatte ich Angst, ich wusste nicht, was mich erwarten würde. Und jetzt? Jetzt
war ich voll und ganz zufrieden. Ich hatte zwar noch nicht viele Andere
gesehen, aber es gefiel mir hier richtig gut.
Voller
Freude tanzte ich durch mein neues Zimmer und ließ mich vorsichtig auf mein
Bett fallen. Meine Flügel durften schließlich nicht verknicken. Irgendwann,
wenn ich mit meiner Ausbildung fertig und ein richtiger Engel war, würde ich
auch richtige Flügel bekommen. Große, weiße Flügel, aus weichen, weißen Federn.
Ich
freute mich auf diese Flügel und konnte es deshalb auch kaum erwarten, endlich
mit dem Unterricht anzufangen, um meinem Ziel damit ein Stückchen näher zu
kommen.
„Entschuldigung?“,
ertönte es von draußen, gefolgt von einem leisen Klopfen.
„Ja,
bitte?“
Die
Tür öffnete sich und eine kleine Frau mit dunklen Haaren trat ein.
„Tut
mir Leid, dass ich dich störe, ehm, du bist doch Nikaia, oder?“, fragte sie mit
freundlicher, aber auch etwas verwirrter Stimme. Sie schien allgemein etwas
durch den Wind zu sein. Ihre dunklen, fast schwarzen Haare wirbelten hinter ihr
her. Sie trug sie in einem lockeren Dutt, aber zu viele Strähnen hingen raus.
Sie war sehr freizügig angezogen, allerdings nicht aufdringlich. Sie trug ein
schwarzes, extrem knappes Oberteil, das eher an einen Bikini erinnerte. Darüber
trug sie eine weite, grünliche Weste. Über ihrer dunklen Hotpants wickelte sich
ein rotes Tuch um ihre Hüften. Sie trug schwarze Kniestrümpfe und ihre Füße
saßen in hohen, offenen, schwarzen Schuhen, die eine kleine, schwarze Schleife
zierte.
„Ja,
das bin ich“, antwortete ich freundlich und bot ihr an, reinzukommen. Dieses
Angebot nahm sie dankend an und setzte sich auf einen der drei Stühle, die an
dem kleinen Tisch in der Mitte des Raumes standen. Ich setzte mich ebenfalls
dazu.
„Ach,
ich bin übrigens Estellé. Tut mir Leid, dass ich mich bis jetzt noch nicht
vorgestellt hab. Ich bin deine neue Lehrerin. Jedenfalls eine davon. Und ich
wollte einfach mal sehen, ob du dich bereits eingelebt hast.“
Wie
nett diese Frau war. Ich mochte sie jetzt schon sehr, auch wenn sie eine Andere
war. Aber das tat nichts zur Sache.
„Ach,
danke, mir geht es echt gut hier“, lächelte ich, „Ich hab mich schon gut
eingelebt, es ist wirklich schön hier.“
„Gut,
das freut mich.“ Sie hatte ein echt schönes Lächeln.
„Entschuldigen
Sie, dass ich so unhöflich frage, aber was sind sie?“
„Oh.“
Estellé schien sichtlich nervös zu werden, sie zupfte an ihrer Weste und an
ihrem Tuch herum, außerdem vermied sie Augenkontakt.
Wieso
war ihr das nur peinlich?
„Oh,
ich, ich, ich… Ich bin eine Fee.“
„Eine
Fee?!“ Sofort schlug ich mir mit einer Hand auf den Mund. Es war unhöflich so
etwas einfach so zu fragen, es gehörte sich nicht, vor allem weil sie einfach
so unglaublich nett war.
„Es
tut mir Leid, ich wollte nicht! Ich… Es ist nur so, dass sie die erste Fee
sind, die ich je gesehen hab“, erklärte ich mein Verhalten und schaute verlegen
zur Seite.
„Ach
was, das ist doch kein Problem, wirklich nicht!“ Sie lächelte. „Um ehrlich zu
sein bist du auch der erste Engel, dem ich begegnet bin. Das muss dir wirklich
nicht peinlich sein, ich meine, wir sind doch auch unter anderem hier, um über
Andere zu lernen. Deswegen werden die Klassen auch gemischt sein. Wobei, es wird
auch Kurse geben, die nicht gemischt sind, das versteht sich ja von selbst.
Weißt du vielleicht, wie spät es ist?“
Ohne
die Antwort abzuwarten, schnappte sie nach einer Uhr in der Tasche ihrer Weste
und schaute erschrocken auf.
„Oh
je! Schon so spät?! Tut mir Leid, aber ich muss schon wieder los! Wie schnell
die Zeit doch vergeht… Es war schön dich kennen zu lernen, Nikaia, und scheu
dich nicht, mit Fragen oder Problemen zu mir zu kommen!“
Damit
stand sie auf, schüttelte ziemlich übertrieben meine Hand und lief zur Tür.
Als
die Tür sich schloss, stand ich etwas überfordert vor meinem Stuhl und schaute
Estellé hinterher.
„Ach,
und was ich vergessen hab!“ Plötzlich ging die Tür wieder auf, und Estellé
schaute mit dem Kopf durch die Türöffnung.
„Ich
hab hier noch etwas für dich. So eine Art… Willkommensgeschenk!“ Mit schnellen
Schritten lief sie auf mich zu und drückte mir ihr Willkommensgeschenk in die
Hand. Dann winkte sie zum Abschied und verschwand zum zweiten Mal durch meine
Tür.
Etwas
langsam betrachtete ich nach ein paar Schockmomenten mein Geschenk. Es war eine
Blume, eine kleine, gelbe Blume, umringt von vielen Gräsern. Sie roch genauso
schön, wie sie aussah, und sie erinnerte mich sofort an Estellé. Kurzerhand
räumte ich mein Nachtischchen leer und stellte meine Willkommensblume darauf.
Als
ich am Abend mit all den anderen Schülern zum Abendessen in den großen Raum mit
der Aufschrift „Mensa“ ging, suchte ich die Halle nach Estellé ab, der ersten
und nettesten Fee, der ich begegnet bin. Ich verzog leicht das Gesicht, als ich
sie im ganzen Raum nicht entdecken konnte. Trotzdem setzte ich mich gut gelaunt
an einen der Achtertische, um das lecker aussehende Essen zu verspeisen. Ich
war wirklich begeistert, wie gut das Essen war. Von einer Schule hätte ich so
eine Qualität nicht erwartet.
Die
Mensa war einfach überwältigend groß. Unmengen von Schülern standen an den
Glastheken, die am Anfang der lang gezogenen Halle standen, um sich alles, von
Salat bis zu Schokoladenmuffins, auf ihre weißen Teller zu häufen und damit zu
einen der unzähligen Tische, die kreuz und quer in der Halle verteilt waren, zu
gehen. Es gab Vierer-, Sechser-, Achter-, und
vereinzelt auch Zweiertische. Alle Tische waren mit einer hellblauen
Decke überzogen, worauf jeweils ein Kerzenhalter
mit drei durchgehend brennenden Kerzen stand.
vereinzelt auch Zweiertische. Alle Tische waren mit einer hellblauen
Decke überzogen, worauf jeweils ein Kerzenhalter
mit drei durchgehend brennenden Kerzen stand.
Während
ich ein Salatblatt nach dem anderen aufspießte, beobachtete ich die anderen
Schüler. Eine Gruppe Dämonen bedrängten gerade ein äußerst hübsches
Sternenmädchen, das durchaus Gefallen an dieser Art von Aufmerksamkeit hegte.
Zwei weitere Sternenmädchen gingen an ihnen vorbei und warfen ihr verächtliche
Blicke zu. Eine Dämonin stritt sich gerade mit ihrer Freundin über einen
Schokomuffin, zwei andere Dämonen versuchten diesen Streit zu schlichten. Einer
der Engel zeigte ihrer Zimmermitbewohnerin, einer Fee, die Mensa. Die Halle
füllte sich rasch, und mit der Anzahl der Schüler stieg auch der Lärm, und so
war bald nicht mehr zu unterscheiden, wer sich mit wem gerade über was
unterhielt.
„Hey.“
Ich
schreckte hoch. Völlig vertieft in dem Trubel der Mensa, hatte ich nicht
bemerkt, wie sich jemand neben mich gestellt hatte.
„Hey“,
antwortete ich und strich mir eine Locke aus dem Gesicht, um ihn über meine
Schulter besser sehen zu können.
Er
war ein recht groß gewachsener Junge, ungefähr in meinem Alter, vielleicht 18
oder 19. Er hatte blonde, recht lange, leicht abstehende Haare und strahlende
blaue Augen. Er trug ein weißes Shirt und eine sehr hellgraue Hose. Mehr konnte
ich mit diesem kurzen Schulterblick leider nicht erkennen.
„Darf
ich mich zu dir setzen?“, fragte er freundlich und kniff beim Lächeln die Augen
zusammen.
„Ähm,
na klar“, stammelte ich, aber ich fing mich schnell wieder, rückte ein
Stückchen zur Seite und lächelte ihn freundlich an.
Er
setzte sich und fing an, seinen Salat zu essen. Etwas unbehaglich wandte ich
mich ebenfalls wieder meinem Salat zu.
„Nikaia?“
„Hm?“
Überrascht
fuhr ich hoch und sah den Jungen neben mir an. Der schaute verlegen zur Seite
und wurde leicht rot.
„Tut
mir Leid, das ist so ’ne Angewohnheit geworden“, nuschelte er verlegen.
„Ich
verstehe nicht“, gestand ich und spürte, wie auch mir die Röte im Gesicht
stand.
„Dein
Name, du hast mir deinen Namen noch nicht gesagt. Als Wächter weiß ich ihn
trotzdem, aber es gehört sich einfach nicht, dich mit deinem Namen
anzusprechen, obwohl du ihn mir noch gar nicht genannt hast, und du meinen noch
gar nicht weißt.“
„Oh“,
machte ich. Und dann fiel es mir auf. Ich hätte es sofort erkennen müssen. „Oh!
Du bist ein Wächter!“
Sofort
schlug ich mir mit der Hand auf den Mund und bereute diese peinliche,
undurchdachte Aussage. Natürlich war er ein Wächter, abgesehen davon, dass er
das eben selbst gesagt hatte, hatte er dieses Etwas. Was hätte er sonst sein
sollen? Er hatte keine Flügel, keine Hörner, auch nicht diese Magie der Sterne.
Er war ganz eindeutig ein Wächter und ich hatte es nicht erkannt.
„He,
ja“, machte er und kratzte sich verlegen am Kopf, während er verschmitzt
lächelte. „Daher kenn ich deinen Namen auch, keine Ahnung, wie das
funktioniert, aber er war einfach so da. Dafür kann ich echt nichts!“
„Das
macht doch nichts“, lächelte ich, „Schließlich bist du ein Wächter, das gehört
schließlich dazu. Ach, was wolltest du denn eigentlich?“
„Hm?“
Er guckte mich verwirrt an, erinnerte sich aber wieder. „Ach ja! Ach, nichts
Wichtiges, ich wollte nur fragen, ob du dich hier schon eingewöhnt hast und so
was.“
„Oh.
Hm, ja hab ich.“ Ich stopfte mir ein Salatblatt in den Mund und kaute. „Ist
echt schön hier. Und alle sind so nett! Ich hab Estellé heute kennen gelernt,
eine Fee. Sie ist die erste Fee, die ich kenne. Und sie ist wahnsinnig nett!
Und mein Zimmer ist so schön! Richtig süß, ich hab ein Einzelzimmer, aber um
ehrlich zu sein, bin ich da auch froh drüber. Ich hab bis jetzt noch niemand
anderes hier kennengelernt.“ Ich wurde immer leiser. Meine anfängliche
Begeisterung verflog, und ich stopfte mir schnell ein weiteres Salatblatt in
den Mund.
„Doch,
natürlich hast du das!“, rief der Wächter aus und strahlte mich an. „Ich heiße
übrigens Nomos!“
„Nomos?
Schöner Name“, lächelte ich freundlich. Ich fand ihn wirklich schön, er klang
irgendwie freundlich und offen.
„Nikaia
hört man auch nicht alle Tage!“, lachte er und steckte sich ein weiteres Blatt
Salat in den Mund. Ich tat es ihm gleich, und wir unterhielten uns noch einige
Zeit, während wir nach und nach unseren Salat aufaßen.
Wir
waren schließlich mit die letzten, die die Mensa verließen.
Meine
Güte, da hast du aber echt Glück gehabt, gleich schon am ersten Tag jemand
Nettes zu finden, und dann noch einen Wächter!, dachte ich, während ich von der
Mensa zurück in mein Zimmer ging. Ich hatte Nomos noch bis zu dem Gang, an dem
sich unsere Wege trennten gebracht und dann die nächste Treppe genommen. So
weit ich wusste, lagen die Mädchenzimmer oben und die Jungenzimmer unten. Es
war ein riesiges Gebäude, ich wusste nicht, wo alles lag, aber einen kleinen
Überblick hatte ich schon. Die Eingangshalle, von der ich wirklich sehr
überrascht war, lag zusammen mit der Mensa und den Zimmern der Lehrer im
Erdgeschoss. Die Jungenzimmer erstreckten sich über das erste und das zweite
Stockwerk, die Mädchenzimmer über das dritte und vierte. Was im Keller lag
wusste ich nicht, vermutlich noch weitere Lehrerzimmer. Es war wirklich
Glückssache das richtige Zimmer zu finden, vor allem weil die Gänge sehr
verzwickt waren und sich öfters kreuzten und knickten.
Ich
war echt erleichtert, als ich Zimmer Nummer 8 ohne mich zu verlaufen gefunden
hatte. Fröhlich schloss ich die Tür auf und ließ mich auf mein Bett plumpsen.
Nachdem ich noch mal alle Ereignisse des Tages durchgegangen war und meine
Willkommensblume gegossen hatte, packte ich meine Sachen und ging duschen.
Am
nächsten Tag konnte ich es gar nicht erwarten zum Frühstück zu gehen. Schnell
putzte ich mir die Zähne, machte mich fertig, und ging dann eilig zur Mensa herunter.
Ein aufgeregtes Kribbeln setzte in meinem Bauch ein, als ich die Mensa betrat
und den Tisch suchte, an dem ich gestern saß. Und tatsächlich saß Nomos schon
da und frühstückte.
Eilig
holte ich mir ein Tablett, schaufelte Brötchen und Aufstrich hinauf und lief zu
ihm. Ich begrüßte ihn mit einem strahlenden Lächeln, stellte mein Tablett ab
und setzte mich neben ihn.
"Guten
Morgen", begrüßte er mich.
"Morgen",
gab ich zurück.
"Und?
Wie war die erste Nacht im noch fremden Bett?"
"Oh,
na ja", fing ich an, während ich mein Brötchen mit einer dünnen Schicht
Butter bestrich, "Ich muss sagen, es war besser als ich erwartet hatte.
Viel besser sogar. Ich hab geschlafen wie ein Baby." Ich lachte kurz, und
als ich sah, dass Nomos ebenfalls lachte, fiel mir ein riesiger Stein vom
Herzen.
"Na
das ist doch schon mal was", lächelte er, "Mir ging 's genauso. Sagt
man nicht, dass das, was man in der ersten Nacht in einem fremden Bett träumt,
in Erfüllung geht? Nun ja, dann wundere dich nicht, wenn ich demnächst als
riesiger Cupcake durch die Gegend laufe. Und wehe, du beißt von mir ab!"
-Stern-
"Und
du glaubst wirklich, wir sollten in die Mensa gehen?", fragte ich
kleinlaut den etwas mutigeren Stern neben mir und drückte schüchtern seine
Hand.
"Ja,
natürlich, warum denn nicht?", gab er zurück.
"Ich...
Ich weiß nicht. Aber da sind so viele Menschen!"
Ich
wurde immer langsamer und zerrte schon fast an seinem Arm. Ich wollte nicht in
die Mensa. Nicht mit so vielen Menschen. Er sagte, es würde nichts passieren,
sie seien alle nett, würden mich alle gut behandeln. Ich vertraute ihm. Trotzdem
hatte ich Angst. Angst, es würde nicht so sein, sie würden gemein zu mir sein,
mich auslachen, ausschließen. Ich wollte nicht ausgeschlossen werden, aber mit
ihnen reden? Wie?
"Stell
dich nicht so an, Mi, ich bin doch bei dir, oder nicht? Ich pass schon auf dich
auf, niemand wird sich über dich lustig machen, versprochen."
Er
lächelte das Lächeln, das ich an ihm liebte und drückte mich.
Ich
hatte immer noch Angst, aber mit ihm konnte ich es ertragen. Mit ihm an meiner
Seite würde mir nichts passieren.
In
der Mensa waren viele Leute. Während mein Blick durch den riesigen Raum
schweifte, konnte ich unzählige Andere erkennen. Dämonen, Engel, Feen. Nur als
Beispiele. Wir waren zu spät, ich konnte nicht einen Tisch erspähen, der noch
unbesetzt war. Verschieden große Tische in einem Raum zusammengewürfelt, und an
jedem saß mindestens eine Person.
Feen?
Sie würden reden wollen.
Dämonen?
Sie würden sich lustig machen.
Engel?
Sie würden versuchen zu verstehen.
"Was
möchtest du essen?", fragte er, nachdem er mich zum Büffet geschleift
hatte.
"Nichts",
antwortete ich leise, "Ich will wieder zurück."
"Red
doch keinen Unsinn. Du musst was essen, sonst verhungerst du mir noch. Und ich
will nicht, dass du verhungerst, was soll ich denn ohne dich machen?"
Wieder
drückte er mich, gab mir ein Tablett in die Hand und schaufelte es mit allem
Möglichen an Essen voll, das ich eh nicht essen würde.
"Komm",
forderte er und nahm meine Hand, "Wir suchen uns einen Tisch." Damit
zog er mich schon wieder weiter.
Wir
gingen an vielen Tischen vorbei, die entweder voll besetzt waren, oder an denen
nur noch ein Platz frei war.
"Nun
ja, dann wundere dich nicht, wenn ich demnächst als riesiger Cupcake durch die
Gegend laufe. Und wehe, du beißt von mir ab!"
Auf
einmal lachte er. Verwirrt sah ich erst ihn, dann die beiden Engel neben ihm
an.
"Ein
Cupcake?!", lachte er.
Der
männliche Engel ohne Flügel sah auf.
"Ja,
ich hab tatsächlich geträumt, dass ich ein Cupcake wäre. Ich wanderte als
riesige Süßigkeit durch die Schule und alle möglichen Schüler kamen vorbei und
wollten von mir abbeißen", lachte er.
"Klingt
echt interessant!"
"Wollt
ihr euch nicht setzen?", fragte der andere Engel.
Entsetzt
drückte ich seine Hand und versuchte panisch ihn von dieser unsinnigen Idee
abzubringen. Aber es half nichts, ob er mich nicht bemerkte, oder er es für
eine gute Idee hielt, er nickte freundlich lächelnd und machte Anstalten, sich
zu setzen.
"Ja,
natürlich, danke!"
Kapitel 4
-Tod-
„Ich will nicht“, jammerte ich.
„Ich auch nicht“, schmollte Riku.
Etwas mehr als zwei
Wochen haben wir durchgehalten. Etwas mehr als zwei Wochen haben wir unser
alltägliches Leben gelebt, Seelen gefangen, Dämonen geköpft. Und dann? Diese
Kurea kam wieder. Wieder und wieder. Zuerst nach einer Woche, dann täglich.
Erinnerte uns daran, dass wir zur Schule müssten. Nach etwas mehr als zwei
Wochen haben wir aufgegeben, unsere Sachen gepackt und standen nun vor dem
riesigen Eingangstor unserer neuen Schule. Es war Riku’s Idee gewesen. Wenn es
nach einiger Zeit immer noch unnötig und überflüssig wäre, würden wir auf der
Stelle wieder gehen. Dann wären wir in der Schule gewesen und niemand könnte
uns weiter dazu zwingen. Aber schon jetzt konnte uns niemand zwingen. Ich war
der Tod! Wer also sollte mir etwas befehlen? Das Schicksal? Pah! Drauf
geschissen!
„Ich will nicht!“
„Das sagtest du bereits.“
„Aber ich will
nicht!“ Ich wurde immer lauter, quengelte. Riku konnte nichts dafür. Es an ihm
auszulassen war unfair, aber ich war wütend und schmollte. Es passte mir nicht,
etwas zu tun, was ich nicht wollte. Und er musste da nun mal die Konsequenzen
ertragen.
„Wir schaffen das,
Kleine“, sagte er nach einer kurzen Pause und nahm meine Hand. Dann machte er
einen Schritt auf das Tor zu, dann noch einen und zog mich mit. Nur widerwillig
ging ich mit, meine Sense fest umklammert. Ich schüttelte kurz den Kopf, damit
meine Haare wieder vor mein Gesicht fielen.
Als wir durch das
Tor traten und auf die riesige Schule blickten, drückte ich kurz Riku’s Hand,
ließ sie aber los und ging ihm einen Schritt voraus. Vor der riesigen Holztür
blieben wir noch einmal kurz stehen, gaben uns dann aber einen Ruck und gingen
in den Eingangsbereich der Schule. Es war unglaublich. Der Eingangsbereich war
groß, geräumig und hell. Rechts und links vom Eingang standen jeweils fünf
bequem aussehende Stühle. Direkt daneben zwei lange Tische mit Kerzen und daneben
wieder fünf Stühle. In der Mitte des Raumes stand ein großer und breiter Tisch mit
einem fliederfarbenen Tuch und zwei großen, weißen Kerzen. Alle Kerzen im Raum
brannten.
„Wow“, machte Riku neben mir, und ich hätte ihm
nur zu gerne zugestimmt. Wäre da nicht mein Stolz.
„Na ja, also so toll ist es ja nun auch wieder
nicht“, murmelte ich und ging ein paar Schritte hinein.
Am Ende des Raumes
gingen drei verschiedene Gänge ab. Einer nach links, einer nach rechts und
einer geradeaus. Ich wollte Riku gerade fragen, wo wir lang mussten, als ich
aus dem linken Gang eilige Schritte hörte.
„Es tut mir ja so leid,
dass ihr warten musstet“, ertönte es aus dem Gang, noch bevor man sah, wer kam.
Ich hatte vieles erwartet, aber niemals eine Fee. Man sah es ihr sofort an. Sie
war klein und hektisch. Die Frau, die auf uns zu eilte, war sehr knapp bekleidet.
Sie trug ein schwarzes Oberteil - was eher an einen Bikini erinnerte -
schwarze, knappe Hot Pants, über die sie ein rotes Tuch gewickelt hatte und
eine dunkelgrüne, weite Weste. Dazu trug sie schwarze Kniestrümpfe und
schwarze, hohe, offene Schuhe, die jeweils ein Schleifchen vorne zierte.
„Es tut mir ja so leid! Bitte verzeiht mir.
Akito? Akane?“
„Ja“, antwortete Riku und nickte.
„Wusste ich es doch. Ihr seid wirklich nicht zu
verwechseln in eurer Art“, kicherte sie.
Lachte sie gerade
über mich? Wenn ich eines nicht ausstehen konnte, dann war es, wenn jemand über
mich lachte.
„Wie bitte?!“, zischte ich während ich fühlte,
wie mein Gesicht vor Zorn immer heißer wurde und meine Augen gefährlich rot
aufleuchteten.
„Oh“, machte die
Fee überrascht und hörte schlagartig auf zu kichern. „Verzeiht, das war nicht
böse gemeint. Mir wurde von euch erzählt, dass ihr immer zusammen seid, euch
aber doch hin und wieder in die Haare bekommt.“ Dann kicherte sie wieder. „Ihr
seid schon wirklich zwei Süße.“
Okay, das war ‘s.
Die Olle tickt doch nicht mehr richtig! Wollte sie mich etwa tatsächlich
provozieren?!
Aber noch bevor ich
den Griff um meine Sense verstärken konnte, spürte ich schon Riku’s Hand auf
meiner Schulter.
„Ja, so sind wir eben“, grinste er.
Total verwirrt und leicht verärgert starrte ich
ihn an.
„Oh, ich habe mich
ja noch gar nicht vorgestellt! Wie unhöflich von mir, verzeiht! Ich heiße
Estellé. Ich bin eine eurer Lehrerinnen und werde euch ein wenig über eure
Schule erzählen. Ihr könnt natürlich auch bei jedem Problem zu mir kommen, sei
es auch noch so klein. Wenn ihr mir bitte folgen würdet, in meinem Büro lässt
sich das viel besser besprechen.“
Wie ich diese
Person und ihr schreckliches Kichern jetzt schon hasste. Aber Riku setzte
wieder sein freundliches Lächeln auf, antwortete höflich, nahm mich bei der
Hand und folgte dieser Estellé. Er hatte es einfach besser drauf als ich. Er
dachte genauso wie ich, das wusste ich, aber im Gegensatz zu mir konnte er das
verdammt gut verbergen und seinem Gegenüber so etwas vorspielen. Vielleicht
sollte ich mir das doch noch von ihm abgucken.
Nachdem wir etwas
widerwillig durch ein verdammtes Labyrinth aus Gängen und Abzweigungen gelaufen
sind, hielt diese Estellé endlich an. Ich muss zugeben, ich hatte keine,
wirklich absolut so überhaupt gar keine Ahnung, wo wir gerade waren! Würde
diese Estellé mich jetzt hier stehen lassen, würde ich vermutlich nie wieder
zurück in die Eingangshalle finden.
Die
Tür zu Estellé’s Büro war eine große, schwere Holztür. Ein merkwürdiges Muster
war hinein geschnitzt, aber ich konnte nicht erkennen, was genau es darstellen
sollte. Als diese Estellé mit einem entschuldigenden Lächeln aufschloss, hielt
Riku immer noch meine Hand. Aber ehrlich gesagt, fand ich das in dem Moment gar
nicht so schlimm. Ich war viel zu angespannt. Irgendetwas in mir wollte auf
keinen Fall in dieses Büro.
Beim
Betreten des Raumes fielen Riku und mir gleichermaßen die Augen aus dem Kopf.
Es war kein Büro, es war ein kleines Gewächshaus! Überall standen Pflanzen. Große,
kleine, manche hingen von der Decke und andere überwucherten Schränke. Vor dem großen
Fenster - direkt gegenüber der Tür - standen ein Stuhl und ein großer, schwerer
Schreibtisch, vor dem zwei weitere Stühle standen. Sowohl auf der Fensterbank
als auch auf dem Schreibtisch stand eine Gruppe Kakteen.
„Es
tut mir ja so Leid, dass es hier so unaufgeräumt ist! Bitte verzeiht“,
entschuldigte sich diese Estellé zum gefühlte tausendsten Mal, wuselte durch den
Raum und sammelte im Weg stehende Pflanzen ein, die sie dann an einen noch
freien Platz stellte.
Zweifelnd
sahen Riku und ich uns an, folgten der Fee aber dann zum Schreibtisch und
setzten uns nach ihrer Aufforderung.
„Also,
ein herzliches Willkommen an eurem neuen Zuhause! Es tut mir wirklich Leid,
dass euer Ankommen so stressig war. Ich hoffe, ihr werdet euch hier wohl fühlen
und viele neue Freunde finden!“, fing diese Estellé an, „Wie gesagt, ich bin
Estellé, eine eurer Lehrerinnen. Ihr könnt mit jedem noch so kleinen Problem zu
mir kommen. Ich habe immer ein offenes Ohr für euch. Dies ist eine Schule für
jede Art von Anderer - für Engel, Feen, Dämonen, Schatten, und so weiter. Es
gibt sowohl getrennte als auch gemischte Unterrichtsfächer. Euren Stundenplan
bekommt ihr, sobald das Schuljahr beginnt. Es wird auch gemischte Zimmer
geben-“
„Moment mal!“, unterbrach ich sie, „Soll das
etwa heißen, dass ich mir mein Zimmer teilen
soll?!“
„Ja, allerdings, das heißt es.“
Das schmeckte mir gar nicht. Ganz und gar nicht.
„Gut, dann teile ich es mit Riku.“ Ich schürzte
die Lippen und starrte die Fee stur an.
„Es tut mir wirklich Leid, Akane-san, so eine
Art gemischter Zimmer meinte ich nicht. Jungen und Mädchen schlafen getrennt
voneinander. Gemischte Zimmer bedeutet, dass Dämonen beispielsweise mit
Regenbögen zusammen wohnen.“
Ich
wollte ihr gerade widersprechen und sie anschreien, dass ich mir auf keinen
Fall mein Zimmer mit einem Regenbogen teilen würde, als Riku mir warnend seine
Hand auf mein Knie legte.
„Warte ab“, formten seine Lippen stumm.
Auch, wenn dieses Thema für mich noch lange
nicht gegessen war, vertraute ich ihm doch so weit, dass ich mich einigermaßen
wieder beruhigte. Nach einem Nicken von Riku fuhr diese Estellé fort.
„Es
wird auch gemeinsam gegessen. Frühstück, Mittag- und Abendessen gibt es jeweils
in der Mensa. Gerade sind die Schüler beim Frühstück, was mich zu einer
wichtigen Bitte bringt. Akane, es gibt hier sehr viele Dämonen. Du als Tod… du
stehst sozusagen über ihnen. Da wir an dieser Schule aber keine Machtkämpfe
oder sonstiges möchten, muss ich dich bitten, dich… dich als normalen Dämon
auszugeben. Kein Schüler weiß, dass der Tod auf diese Schule geht, und so soll
es auch bleiben. Dazu solltest du dich möglichst… unauffällig kleiden und auch
deine Sense verstecken.“
Stille.
„Akana? Hast du mich verstanden?“
Stille.
Ich konnte nicht antworten. Alles in mir drohte
zu zerreißen. Meine Sense verstecken? Mein Ein und Alles? Mich als Dämon
ausgeben?
„Nein“, hauchte ich. Mein Blick fiel auf diese
Estellé. Diese Fee, die sich einbildete, mir etwas befehlen zu können.
„Nein. Nein! NEIN, VERDAMMT NOCH MAL!“, schrie
ich, sprang auf und stieß den Stuhl nach hinten.
„NEIN! NIEMALS! Ich werde meine Sense nicht verstecken, NIEMALS! Was glauben Sie eigentlich wer sie sind?! Ich bin DER TOD! Sie können mir gar nichts befehlen! Und sie glauben ja wohl nicht wirklich, dass ich mich als Dämon ausgebe! NIEMALS!“, schrie ich. Ich war so aufgebracht, dass meine Stimme brach und meine Augen rot aufleuchteten. Als diese Estellé jedoch weiter davon redete, meine Sense zu verstecken, schrie ich weiter, schlug wild um mich und wollte ihr einfach nur noch wehtun.
„NEIN! NIEMALS! Ich werde meine Sense nicht verstecken, NIEMALS! Was glauben Sie eigentlich wer sie sind?! Ich bin DER TOD! Sie können mir gar nichts befehlen! Und sie glauben ja wohl nicht wirklich, dass ich mich als Dämon ausgebe! NIEMALS!“, schrie ich. Ich war so aufgebracht, dass meine Stimme brach und meine Augen rot aufleuchteten. Als diese Estellé jedoch weiter davon redete, meine Sense zu verstecken, schrie ich weiter, schlug wild um mich und wollte ihr einfach nur noch wehtun.
-Dämon-
„NEIN!“
So hatte ich Shika
noch nie erlebt. Sie ist öfters mal ausgeflippt, wenn ihr etwas nicht passte,
aber sie hatte sich sonst immer - mehr oder weniger - unter Kontrolle. Aber
jetzt half auch mein Zusprechen nicht. Die Hand, die auf ihrer Schulter ruhte,
schlug sie in ihrem Zorn weg, genau wie einige Kakteen, die noch auf dem
Schreibtisch standen. Einen davon schnappte sie sich und warf ihn zielsicher in
Estellé’s Richtung. Kurz danach versuchte Shika auf sie loszugehen, immer noch
am Schreien. Es war schrecklich, Shika so aufgelöst zu sehen. Auch, wenn ich
total auf ihrer Seite stand, musste ich sie irgendwie aufhalten. Gleich am
ersten Tag eine Lehrerin umzubringen würde doch zu viel Aufmerksamkeit mit sich
bringen.
Als
ich meine Arme um Shika schlang, erstarrte sie zunächst für einen Augenblick
und sah mich aus ihren rotglühenden Augen an. Dann aber fing sie wieder an, um
sich zu schlagen, schrie mich an und entwischte mir ein paar Mal. Es war
anstrengend und ging unglaublich schnell. Nachdem ich sie endlich fest im Griff
hatte und in Richtung Tür schieben konnte, entschuldigte ich mich kurz bei
Estellé. Sie nickte nur kurz, wuselte schnell zur Tür, um sie zu öffnen und
drückte mir etwas in die Hand. Hinter uns schloss sie die Tür schnell wieder.
Gerade noch rechtzeitig, denn Shika entkam mir und hämmerte wie wild auf die
Tür ein. Ich ließ sie, in dem Wissen, dass ich sie nicht aufhalten konnte, und
lehnte mich mit dem Rücken gegen die Wand gegenüber.
Einige
Zeit später gab sie auf. Nach einem letzten verzweifelten Schlag sackte sie vor
der Tür zusammen. Ich fing sie gerade noch auf, bevor ihre Knie den Boden
berührten. Sie klammerte sie an mich und zuckte in einem stetigen Rhythmus
immer wieder zusammen. Ich hatte Shika noch nie weinen sehen, aber das hier kam
ziemlich nah ran. Ihre Sense bedeutete ihr unglaublich viel. So weit ich
wusste, war sie der einzige Gegenstand, an dem sie hing. Sie machte sie zu dem,
was sie war, zumindest in ihren Augen. Sie war Beginn etwas ganz Großem, und
Abschluss einer schwierigen Zeit. Kein Wunder, dass sie so ausflippte. Sie
prahlte immer damit, dass sie als Tod die wichtigste Person in der Unterwelt
war. Womit sie natürlich Recht hatte. Aber für sie war es noch viel mehr. Ihr
Dasein als Tod mache sie mehr als nur wichtig. Es machte sie zu jemandem. Zu jemandem, den die Leute
kannten und achteten. Auch, wenn sie das niemals zugeben würde.
„Ist
ja gut, Süße“, murmelte ich ihr zu und tätschelte ihr den Kopf.
„Lass mich los“, forderte sie trotzig gegen
meine Brust.
„Aber du hältst mich doch fest“, lachte ich.
Dann ließ sie mich los. „Irgendwann werde ich
dich töten.“
„Das versprichst du mir schon seit wir uns kennen!“ Ich grinste sie an und hielt ihr meine Hand hin. „Na los, wir suchen unsere Zimmer.“
„Das versprichst du mir schon seit wir uns kennen!“ Ich grinste sie an und hielt ihr meine Hand hin. „Na los, wir suchen unsere Zimmer.“
Zu
meiner Verwunderung nahm sie tatsächlich meine Hand.
Man,
muss ja wirklich heftig sein.
Ich sah in meine andere Hand. Estellé hatte mir
zwei Schlüssel gegeben. Zimmer 11 gehörte Shika.
„Na los“, forderte ich sie auf und zog an ihrer
Hand. Zu leicht ließ sie sich mitziehen.
Nachdem
wir endlich das Labyrinth der Lehrerzimmer verlassen hatten und wieder in der
Eingangshallte standen, hatte Shika immer noch nichts gesagt.
„He, ist alles in Ordnung mit dir?“, fragte ich
sie leise.
Ohne mich anzusehen, nickte sie langsam.
„Riku…“, fing sie an, „hast du vielleicht etwas
Süßes?“ Hoffnungsvoll sah sie mich an. Ich musste einiges aufbringen, um nicht
lauthals loszulachen. Manchmal war sie wie ein kleines Kind.
„Natürlich hab ich das“, grinste ich und reichte
ihr einen Kirschlolli. Glücklich strahlte sie mich aus ihren braunen Augen an.
Ich konnte nicht anders, als ihr Strahlen zu erwidern. Aber wir mussten uns
beeilen, die anderen Schüler waren bald mit dem Frühstück fertig und Shika
hielt ihre Sense immer noch fest umklammert.
Die
Mädchenzimmer waren im ersten Stock. Auch wenn Zimmer 11 eigentlich eines der
ersten Zimmer sein sollte, mussten wir durch sämtliche Labyrinth ähnliche Gänge
wandern, bis wir endlich vor einer braunen Holztür mit den silbernen Ziffern 11
standen. Wir waren da.
Einige
Zeit standen wir nur da und starrten die silberne 11 an.
„Kommst du zurecht?“, fragte ich leise.
Sie nickte. „Natürlich. Ich bin schließlich der
Tod, vergiss das nicht! Bis später.“ Sie nahm mir ihren Schlüssel aus der Hand,
öffnete die Tür und streckte mir noch kurz ihre kirschrote Zunge entgegen. Dann
schloss sie die Tür wieder und ließ mich stehen.
„Kleines Kind“, grinste ist, sah auf meinen
eigenen Schlüssel und machte mich auf den Weg in den nächsten Irrgarten.
Kapitel 5
-Tod-
„Okay, Baby“, murmelte ich, „Wir packen das, mein
Liebling, wir packen das.“
Noch
ein letztes Mal strich ich mit meinen Fingern über meine Sense. Langsam und
verletzt strichen sie über den langen Holzstiel, zwar einfach, aber stabil und
robust, und über die Klinge aus glänzendem Stahl. Ich versuchte mich daran zu
erinnern, wie lange ich sie schon in den Händen halten konnte. Der Alte hatte
sie mir damals in die Hand gedrückt.
„Hier“, hatte er gesagt, „Hier hat du endlich deine
Sense. Jetzt geh Seelen fangen und lass mich in Ruhe.“
Ich
erinnerte mich noch genau an seine Worte. Er hatte sie mit seinen eigenen
Händen drei Nächte lang geschnitzt und geschmiedet. Am letzten Tag meines
ersten Jahres bei ihm hatte er sie mir übergeben. Auch wenn ich den Alten
abgrundtief hasste, liebte ich diese Sense abgöttisch. Sie war meine erste und
einzige Sense. Ich hatte vorher mit einem Holzstock trainiert.
Die Sense war von da an immer bei mir. Die
einzigen, die sie je in den Händen halten durften, waren der Alte, er hatte sie
ja schließlich gemacht, und Riku. Niemand sonst. Es war meine Sense. Nicht
irgendeine, meine! Und jetzt sollte
ich sie wegsperren?
„Hab Respekt!“, hatte der Alte immer gesagt. „Du
bist der Tod, nicht nur irgendein Dämon. Du musst stolz darauf sein, aber auch
immer Respekt davor haben.“
Ich
war stolz. Ich war verdammt stolz darauf, dass ich der Tod war. Und jetzt sollte ich das alles hinschmeißen und so
tun, als wäre ich ein Dämon? Mich selbst verstellen, verraten?
Ich
wollte nicht. Riku hatte mich während der Suche nach meinem Zimmer versucht zu
überreden.
Aber
konnte ich das?
Mit
zitternden Händen wickelte ich meine Sense in eines der weichen Laken, die auf
meinem Bett lagen.
„Ich will nicht“, flüsterte ich, und hätte ich in
diesem Moment nicht die Schlüssel in der Tür gehört, hätte ich vielleicht sogar
noch ein ganz klein wenig geweint. Aber dazu hatte ich jetzt keine Zeit.
Während der Schlüssel sich im Schloss drehte, stellte ich meine Sense in den
Schrank und knallte voller Panik die Schranktüren zu.
Dann
schmiss ich mich auf mein Bett, setzte mich aufrecht hin und starrte die Tür
an. Sind
die etwa jetzt schon mit dem Essen fertig?, dachte ich. So lange war ich
doch noch gar nicht hier.
„Oh“, machte das Mädchen, als es eintrat und mich auf
meinem Bett sitzen sah.
Sie
war auf jeden Fall ein Stern. Sie hatte gelbblonde Haare, die gerade am vollen
Pony in alle möglichen Richtungen abstanden. Den Rest trug sie zu einem seitlichen
Zopf, den ein hellgraues Tuch umschlang. Blaue geschockte Augen sahen mich an.
„Glotz nicht so, ich bin auch nicht gerade
begeistert davon, dass wir uns ein Zimmer teilen müssen“, wollte ich sagen.
Aber dieses Mädchen sah einfach so klein und hilflos aus, wie es da an der Tür
lehnte, die Klinke immer noch in den zitternden Händen. Also schwieg ich. Und
sie auch. Sie stand immer noch in der Tür, die Klinke in ihren nervös
zitternden Händen. Immerhin starrte sie mich nicht mehr an. Stattdessen
versuchte sie überall anders hinzusehen.
So
ging das gefühlte fünf Minuten. Aber irgendwann fühlte ich mich einfach zu
unwohl, so dass ich dann doch noch etwas sagte.
"Hei", begrüßte ich das Sternenmädchen,
setzte ein Lächeln auf und ging auf sie zu. "Ich bin Shika, schön, dich
kennenzulernen. Hoffe ich jedenfalls. Weißt du, ich bin nicht ganz freiwillig
hier, und dass ich mir mein Zimmer auch noch teilen muss, geht mir wirklich so
was von gegen den Strich, das glaubst du gar nicht. Aber da ich nicht glaube,
dass du mich noch weiter unnötig reizen wirst, ist ja alles in Ordnung. Oder
nicht?"
Rein
rhetorische Frage. Das Mädchen kam gar nicht zum Antworten, denn ich legte ihr
einen Arm um die Schulter und führte sie in das Zimmer.
"Ich denke, wir verstehen uns. Du bist
bestimmt ein Stern, nicht wahr? Und du hast doch mit Sicherheit auch einen
Namen."
"Ich... ich"
"Ich wette, Ichich ist nicht dein Name."
Darauf
ließ sie nur ein ängstliches Schlucken hören.
Die soll sich mal nicht so anstellen,
dachte ich.
"Also, Kleines, wie ist dein Name?"
"Mi", antwortete sie leise.
"Mi?"
Sie nickte.
"Na schön, Mi. Klingt irgendwie ganz niedlich.
Jedenfalls habe ich keine Lust auf Streit oder so was. Ich muss schon auf diese
verdammte Schule gehen, da will ich wenigstens in meinem Zimmer meine Ruhe
haben."
Sie
schwieg.
"Na ja, ich geh' jetzt erstmal nach meinem
Freund sehen. Auspacken kann ich ja auch später. Also bis dann, man sieht
sich." Damit klopfte ich ihr noch ein letztes Mal auf die Schulter und
ging aus dem Zimmer in den Gang hinaus. Diese Mi ließ ich stillt hinter der Tür
zurück. Nach einem langen erschöpften Seufzen quetschte ich mich an den ganzen
anderen Schülern in den Gängen vorbei, verzweifelt auf der Suche nach Zimmer
13. Diese Schule hat aber auch verdammt viele Gänge!
Als
ich dann endlich vor Zimmer 13 stand, hasste ich diese Schule mehr als je
zuvor. Unendlich vielen Schülern bin ich auf dem Weg begegnet, und mindestens
die Hälfte von ihnen hatten mich mit Schultern, Ellenbogen oder sonst was
angestoßen.
Dementsprechend wütend war mein Klopfen.
"Da bist du ja endlich, wo warst du so
lange?", begrüßte mich Riku.
"Hab mich verlaufen", murmelte ich
zurück, ging an ihm vorbei in sein Zimmer und ließ mich auf eines der beiden
Betten fallen.
"Ehrlich jetzt?", lachte er. Aber ich war
zu erschöpft, um irgendetwas nach ihm zu werfen.
"Scheiß Schule", murrte ich stattdessen.
"Was hast du überhaupt an? Ich kenn' dich
sonst nur mit Umhang."
"Die anderen hoffentlich nicht", murrte
ich und setzte mich auf, "Die Olle will doch nicht, dass man mich erkennt,
oder? Daher die Mütze. Wie du vielleicht weißt, habe ich keine kleinen Hörnchen
und ich werde mir mit Sicherheit keine ankleben. Und mein Umhang ist wohl doch
ein bisschen zu auffällig, meinst du nicht?"
Er
antwortete erst, als er sich neben mich gesetzt hatte. "Stimmt schon. Also
machst du jetzt doch mit?"
"Was bleibt mir anderes übrig?" Gar
nichts. Natürlich könnte ich meine Sachen packen und den schnellsten Weg zurück
nach Hause suchen, aber was würde mir das bringen? Diese Kurea würde alle paar
Tage vorbeikommen und versuchen, mich zurück zu zwingen.
"Mal sehen, wohin der Spaß mich hier
bringt." Damit lehnte ich mich an Riku an und schloss die Augen. Endlich
entspannen. Einfach mal ruhig sein. Den ganzen Mist hier einfach mal vergessen
und nichts tun. So wie früher. Woah,
jetzt redete ich schon von früher, dabei war ich gerade mal einen Tag hier!
Noch nicht mal. Ich hatte ja noch nicht mal hier gegessen.
Und
wie auf 's Stichwort meldete sich auch gleich mein Magen zu Wort. Während ich
das brummende Geräusch und die folgende Leere in meinem Bauch versuchte zu
ignorieren und weiter nichts zu tun, konnte sich Riku ein Lachen nicht
verkneifen. Wäre auch gar nicht weiter schlimm gewesen, wenn mein Kopf nicht
mit seinem ruckartigen Lachen mitgerissen werden würde.
"Woah, Riku!", schimpfte ich und setzte
mich wieder gerade hin.
"Tut mir Leid, Kleine. Sollen wir nachgucken,
ob noch was zu Essen da ist? Ich hab auch tierischen Hunger", lachte er
und piekste mir in den Bauch. Dann packte er meine Hand und schleifte mich zur
Mensa.
-Stern-
Er
hatte gesagt, es würde nichts passieren. Niemand wäre hier, hatte er gesagt.
Ich müsste mir keine Sorgen machen, mich nicht fürchten. Ich hatte mich
gefürchtet. Wollte ihm glauben, aber wie? Ein Dämon. Wieso ausgerechnet ein
Dämon? Ich hatte Angst gehabt, hatte mein Zimmer nicht teilen wollen. Aber er
hatte mir Mut gemacht, hatte meine Hand gehalten. Hatte ich ihm geglaubt? Ja.
Nein? Ich wollte es, zu sehr wollte ich ihm glauben. Aber wie, wenn jeder
Schritt zögerte? Meine Hände hatten gezittert als ich vor ihr stand. Ihre roten
Augen hatten mich angestarrt. Rote Augen? Nein, sie waren braun gewesen. Aber
wieso? Hatten Dämonen nicht rote Augen? Dennoch war sie ein Dämon. Auf einem
Zimmer mit einem Dämon. Mach dir keine Sorgen, hatte er gesagt, es passiert
schon nichts. Er würde bei mir sein, wenn ich Hilfe bräuchte, immer. Wo war er
jetzt? Wo war seine Hand, die mich immer hielt, wenn ich sie brauchte? Sein
aufmunterndes Lächeln fehlte mir, auch wenn es mich nie aufmunterte.
-Engel-
„Die beiden Sterne waren ja wirklich niedlich, oder
nicht?“, kicherte ich.
Nomos,
der neben mir den Gang aus der Mensa hinausging, stimmte in mein Kichern mit
ein.
„Ja, stimmt. Aber Mi war schon ein wenig… wie soll
ich sagen? Schüchtern?“
„Ein wenig, ja. Ach, aber das wird sich schon
legen.“
„Mit Sicherheit“, nickte er.
„Mit Sicherheit“, nickte er.
-Tod-
„Ich will gar nichts essen“, murrte ich.
„Ich aber.“
„Na und? Wieso muss ich dann mitkommen? Als würde
ich dir so gerne beim Essen zusehen.“
Da
hatte ich mal wieder die falsche Frage gestellt. Noch bevor ich fertig war,
blieb er stehen und beugte sich zu mir hinunter. Zurückweichen konnte ich auch
nicht, weil er seine Hände schon um meine Hüften gelegt hatte.
„Was willst du schon ohne mich machen?“, hauchte er
mir ins Ohr.
„Okay, reicht jetzt!“, schimpfte ich und schubste
Riku zur Seite. Hauptsache von mir weg. Während ich ihm eingeschnappt
Todesblicke zuwarf, fing Riku laut an zu lachen.
„Stirb einfach“, zischte ich, aber anstatt sich von
mir fern zu halten, legte Riku mir einen Arm um die Schulter und zog mich
lachend mit.
Ein
paar Schritte weiter kamen uns zwei Schüler entgegen. Das Mädchen war ein
Engel, ihre goldblonden Locken umrahmten ihre goldenen Augen und fielen ihr
offen den Rücken hinunter. Ihre kleinen Flügelchen flatterten leicht. Der Junge
neben ihr sah ebenfalls aus wie ein Engel mit seinen blonden Haaren, den
eisblauen Augen und dem freundlichen Lächeln, allerdings fehlten ihm die
Flügel. Er war wahrscheinlich ein Wächter. Ich bemerkte die beiden nur, weil
mir ihr Kleinemädchen-Kichern fürchterlich auf die Nerven ging. Da mich Riku
allerdings mehr nervte, behielten sie meine Aufmerksamkeit nicht allzu lange.
Außerdem wurde ich von dem erneuten Knurren meines Magens beim Betreten der
Mensa abgelenkt. Aber ganz ehrlich, bei dem Anblick würde jeder Magen knurren.
Die Mensa war riesig und obwohl sie
mit Tischen vollgestellt war, immer noch sehr geräumig. Aber das Erstaunliche
daran war, dass obwohl das Frühstück gerade vorbei war, die Essenstheken noch
mit Essen überladen waren. Grüner, frischer Salat hatte seinen Platz neben
ebenso frischen Gurken und Tomaten. Die Theken mit Broten, Brötchen und allem
was dazugehörte, sahen aus wie unberührt, genau wie die Schüsseln mit
Cornflakes und vielem mehr. Auf jedem Tisch stand mindestens eine Obstschale.
Ich muss zugeben, so sehr ich diese Schule auch hasste, die Mensa war wirklich
unglaublich.
„Wow“, machte es neben mir. Riku staunte genauso
wie ich. „Also so sehr ich diese Schule hasse, die Mensa ist ja echt
unglaublich.“
-Dämon-
Damit
drehte sich Shika zu mir um und strahlte mich an.
„Genau das habe ich auch gerade gedacht!“, freute
sie sich. Und mit ihr freute ich mich auch, einfach weil ihr Lachen so extrem
ansteckend war, und ich froh war, dass es ihr wieder besser ging.
Also
nahm ich lachend ihre Hand und zog sie zu einer der Essenstheken. Dort
schnappte ich mir zwei Teller und häufte Unmengen von Essen hinauf, während
sich Shika einen Tisch aussuchte. Die Teller balancierend, folgte ich ihr an
einen der großen Achtertische.
„Glaubst du, dir reicht der Platz?“, scherzte ich,
stellte die vollbeladenen Teller ab und setzte mich. Sie warf mir nur einen
leicht verärgerten Blick zu, setzte sich und zog einen der Teller zu sich
heran. Was dann kam würde ich nie wieder vergessen. Wie konnte jemand, der bis
vor zwei Minuten noch behauptet hatte, keinen Hunger zu haben, Schüsseln voller
Cornflakes so herunterschlingen?! Die darauffolgenden Brote taten mir Leid.
Kein Lebensmittel der Welt sollte so qualvoll verspeist werden. Und da sagte
man, Mädchen wären elegant. Wie Shika ihr Essen verputzte hatte überhaupt
nichts mit Eleganz zu tun. Eher mit einem kranken Horrorfilm. Von wegen, sie
hätte keinen Hunger.
Auch,
wenn ihr Anblick meinen Appetit nicht gerade förderte, nahm ich mir eines der
Käsebrote. Hauptsächlich um überhaupt etwas abzubekommen, bevor Shika alles
aufgegessen hätte. Außerdem kannte ich sie lange genug, um mich daran zu
gewöhnen. Irgendwann störte man sich
nicht mehr dran und haute genauso rein.
Nach
dem dritten Nachschlag waren sowohl Shika als auch ich pappsatt.
„Wie geht’s jetzt weiter?“, fragte Shika plötzlich,
während sie sich zurücklehnte und sich den Bauch hielt. Ich musste lächeln. Sie
war nach wie vor ein kleines Mädchen. Ein kleines Mädchen, auf das ich
aufpassen musste.
„Keine Ahnung“, seufzte ich und lehnte mich
ebenfalls zurück. „Der Unterricht fängt erst in einer Woche an. Bis dahin
müssen wir uns hier möglichst gut eingewöhnen.“
Shika
verzog das Gesicht. „Pah!“, machte sie. „Ich will mich hier nicht eingewöhnen.
Ich will hier ja noch nicht einmal bleiben!“
„Ich weiß. Ich auch nicht, aber vielleicht sollten
wir ‘s erstmal versuchen? Ich meine, was haben wir zu verlieren?“
„Kostbare Zeit unseres Lebens?“ Shika beugte sich
über den Tisch. „Aber jetzt mal ehrlich, was soll das für ein Unterricht sein?“
„Ich hab keine Ahnung. Stundenpläne bekommen wir
auch erst in einer Woche.“
Sie
kaute auf ihrer Lippe. Ich würde ihr wirklich gerne Antworten geben, aber ich
wusste genauso wenig wie sie. Und genauso wenig wollte ich hier sein. Wir sind
beide vom Alten ausgebildet worden, wir konnten unseren Job. Ich verstand
nicht, was wir hier sollten. Aber lange darüber aufregen konnte man sich auch
nicht. Klar machte es Spaß, aber es half nichts. Es war nun mal so, und wir
mussten das hinnehmen und so gut es geht überstehen.
„Sollen wir zurückgehen?“, fragte Shika und sah
mich wartend an.
„Ja, komm.“
Es
dauerte ewig, bis wir mein Zimmer fanden. Wenn ich es nicht besser wüsste,
würde ich sagen, die Gänge würden sich jedes Mal verschieben. Es war wie ein
riesiges Labyrinth. Als wir Zimmer 13 endlich gefunden hatten, hatte Shika
schon seit gewisser Zeit mit ihrer Schimpftirade angefangen und hörte auch so
bald nicht auf. Auch nicht, als sie sich auf mein Bett schmiss.
„Ich kann es einfach nicht fassen! Wer baut bitte
so ein scheiß Gebäude?! Wie schwer kann es sein, so ein verficktes Zimmer zu
finden?! Ich brauch doch keine Karte, um mein Zimmer zu finden!“, schimpfte
sie.
„Das ist immer noch mein Zimmer.“
Sie
warf mir einen bösen Blick zu und setzte sich auf. „Na und? Für mein Zimmer
brauch ich genauso dringend ‘ne Karte.“ Sie stockte. „Riku, ich will nicht in
mein Zimmer. Ich will es nicht teilen. Nicht mit diesem Sternenmädchen. Mit
niemandem, den ich nicht kenne. Kann ich diese Nacht nicht hier bleiben?“
Ich
lächelte sie an. Ihre Worte klangen so verzweifelt, ich konnte ihr nichts
abschlagen. „Der Tag hat gerade erst angefangen“, sagte ich und setzte mich zu
ihr. „Vielleicht ist diese Mi ja gar nicht so schlimm. Und so, wie du erzählt
hast, scheint sie eine Menge Angst vor dir zu haben.“
Sie
kicherte. „Na siehst du. Und du willst deine Sense doch nicht alleine lassen,
oder?“
„Nein“, murmelte sie leise.
An
unserem ersten Tag ging Shika nur ein weiteres Mal in ihr Zimmer. Wir warteten,
bis die anderen Schüler mit dem Mittagessen fertig waren, bevor wir essen
gingen, und achteten darauf, niemandem über den Weg zu laufen. Auch zum
Abendessen gingen wir später. Während die anderen Schüler in der Mensa waren,
gingen Shika und ich in ihr Zimmer, holten ein paar ihrer Sachen und gingen
erst dann zum Essen, als die anderen schon weg waren. Sie begegnete Mi kein
weiteres Mal an dem Tag. Nachdem sie den ganzen Tag auf meinem Bett verbracht
hatte, wollte sie auch abends nicht mehr gehen. Sie blieb über Nacht bei mir
und schlief in meinem Bett. Sie sagte es nicht, aber ich wusste, dass sie zu
viel Angst hatte, in ihrem Zimmer zu schlafen. Nicht, weil sie Angst vor Mi
hatte, oder nicht alleine sein wollte. Aber die ganze Situation war neu für
sie, sie musste sich erst daran gewöhnen. Deswegen ließ ich sie. Ich wäre blöd,
wenn ich sie nicht bei mir gelassen hätte.
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